Konstruktivismus
Wie wirklich ist die Wirklichkeit? oder Warum ist es so schwierig, „gemeinsam auf einen grünen Zweig zu kommen“?
1. Einerseits bestimmen die Sinnesorgane, was wir grundsätzlich wahrnehmen können. So bestimmt die Beschaffenheit der Augen, wie die Lichtimpulse erfasst werden können. Stellen Sie sich vor, Sie wären eine Biene mit Facetten Augen. Dieses Auge besteht im Grunde aus eine Vielzahl von „Teilaugen“, welche zu ganz anderen „Sichtweisen“ der Umwelt führen. Weiß wir nicht mehr als weiß und bunt als etwas ganz anderes wahrgenommen. Und ein farbenblinder Mensch? Seine Sichtweise kann manche Farben nicht oder nur „anders“ wahrnehmen. Und nun sind Sie eine Fledermaus, ein Hund oder gar ein Regenwurm. Was Sie da alles „anders“ riechen, hören und fühlen könnten? Was ist nun wirklich wirklich? Hinzu kommt eine Eigenart der Sinnesorgane, nämlich dass Sie vor allem auf Unterschiede in den Reizen ansprechen. Würden Sie z.B. einen gewissen Geräuschpegel oder ein gewisses Geräusch fortwährend hören, so können Sie eben dieses Geräusch nach einer Zeit nicht mehr oder nur sehr abgeschwächt wahrnehmen. Dies ist mit einer jener Gründe, warum Urlauber in der Früh vom Vogelgezwitscher „aus dem Schlaf gerissen werden“, während sie der gewohnte Straßenlärm tief und fest schlummern läßt.
2. Aber auch mit sehr ähnlichen Sinnesorganen – wie z. B. unter Menschen - kommt es zu großen Unterschieden in der Auffassung von dem, was wirklich Wirklichkeit ist. Was wichtig erscheint und für das Überleben als notwendig erachtet wird, wird verstärkt und damit selektiv wahrgenommen. Eine Mutter mit Kleinkind weiß und sieht in einer Großstadt wahrscheinlich grundsätzlich andere Dinge als eine Botschafterin oder eine Rollstuhlfahrer. Was weiß nun ein Rabe von dieser Großstadt?
Daher ist es eine zentrale Aussage des Konstruktivismus, dass die Wirklichkeit als solches nicht zugänglich ist. Sie wird „erzeugt“! Je besser es Ihnen gelingt, mit Ihrem Umfeld „gemeinsame Wirklichkeitsversändnisse“ zu erzeugen, desto besser ist Ihre Führungskompetenz. Doch: Dabei müssen Sie sich bewusst sein, dass auch Sie nicht im Besitz der „richtigen und einzigen“ Wirklichkeit sind.
Stellen Sie sich 2 Personen vor. Jeder davon hat teilweise eine andere Sichtweise, was „wirklich“ ist. Jeder hat also eine „eigene Landkarte der Wirklichkeit“.
Beispiele:
Mutter und Tochter zum Thema: Ordnung im Kinderzimmer.
Vorgesetzter und Mitarbeiter zum Thema: Arbeitszeit.
Mitarbeiter und Kunde zum Thema: Leistungsqualität.
Wie kann Kommunikation nun helfen, gemeinsam auf einen grünen Zweig zu kommen? Hier ein mögliches Modell:
- A fragt B: Wie siehst du die Dinge? Was ist dir Wichtig? Was soll erreicht werden?
Am Ende der Befragung fasst A Person B zusammen: „Habe ich dich richtig verstanden, bei dir/Ihnen ist...... Darauf sollte von B ein „Ja“ als Antwort kommen. - A präsentiert B nun seine Sichtweise: Nun höre mir zu, wie ich die Dinge sehe und was mir wichtig ist.... Am Ende der Darstellung könnte A Person B um eine Zusammenfassung der wichtigen Punkte von A bitten. Dadurch kann A sehen, ob B auch „zugehört hat“.
- In einem nächsten Schritt wird geklärt, wo es Gemeinsamkeiten und wo es Unterschiede gibt. Die Gemeinsamkeiten bedeuten Klarheit. Nun geht es um die Unterschiede.
- In einem letzten Schritt muss geklärt werden: „Wie gehen wir nun mit diesen Unterschieden um?“ Was muss A von B berücksichtigen, was muss B von A berücksichtigen? Am Ende dieses Klärungsprozesses steht ein gemeinsames Wirklichkeitsverständnis. Wichtig: Hier geht es um „passende Lösungen“ und nicht um die „richtigen Lösungen“. Z.B. könnte Ihr „weniger reden“ wesentlich mehr zur Klärung beitragen, als Ihr „noch mehr reden“.
Wodurch wird die Erzeugung gemeinsamer Wirklichkeitsverständnisse gefördert bzw. überhaupt erst ermöglicht?
- Emotional konstruktive Zustände bei den Gesprächspartnern. In einem erregten Zustand ist Zuhören nur schwer möglich und „Interpretationen des Gesagten“ herrschen vor. Daher kann das Erzeugen einer entspannten Gesprächsatmosphäre bereits ein wesentlicher Erfolgsschritt sein.
- Veränderungsbereitschaft der eigenen Sichtweise. Wer hier flexibel sein kann und dem anderen nichts aufs Auge drücken muss gibt damit Raum für neue Lösungen. Sonst „verlieren Sie den anderen“, z.B. durch „innere Kündigung“, Flucht oder Streit.
Kommunikationsfähigkeit ist daher eine wesentliche Führungskompetenz! Vor allem die Kultivierung des „konstruktiven Zuhörens“ ermöglicht Ihnen die Argumente des Gesprächspartners aufzugreifen und dadurch mehr Akzeptanz gemeinsamer Lösungen zu erreichen.
„Ihr gemeint bedeutet nicht gleich auch Ihr gesagt.Ihr Gesagt bedeutet beim anderen nicht unbedingt auch sein verstanden.
Sein Verstanden bedeutet nicht gleich auch sein einverstanden.
Sein Einverstanden heißt nicht gleich dass er es auch tut.
Und weil er es einmal tut heißt es nicht unbedingt dass er es auch wieder tut.“


